Jan Pieper: Das Labyrinthische

Jan Pieper: Das Labyrinthische

über die Idee des Verborgenen, Rätselhaften, Schwierigen in der Geschichte der Architektur

 

Im perspektivischen Bild wird in der Regel eine konkrete, einmalige Situation dargestellt, im Labyrinth dagegen ein Grundtypus der räumlichen Ordnung – eben des Labyrinthischen -, der die Elementarien jedes räumlichen Systems assoziiert, die Schwellen, Grenzen und Mitten, die er in der Grundform des räumlichen Erlebens, , dem Durchschreiten, anschaulich und doch tiefgründig miteinander verbindet.

Diese Eigenart der Labyrinthchiffre verdient alle Aufmerksamkeit, bedeutet sie doch nicht weniger, als dass eine Figur, um die sich die unterschiedlichsten und widersprüchlichsten Inhalte ranken können, dennoch als Architekturmetapher eine Eindeutigkeit besitzt, die darauf beruht, dass sich in ihr elementare Grundformen jeder räumlichen Ordnung wiedererkennen lassen, die in der Natur des Raums selbst vorgegeben und deshalb nicht willkürlich zu verändern sind. Als Architekturmetapher unterliegt auch die Labyrinthfigur diesen Gesetzmäßigkeiten; wäre sie eine reine Kunstform, die nur die nichtarchitektonischen Inhalte des Topos darzustellen hätte – Vorstellungen von Leben und Tod, kosmologische Phantasien, den Fruchtbarkeits- und Frühlingsreigen, ihre unterschiedlichen phantastischen Assoziationen -, so hätte sie alle Freiheit.

Wir haben mit diesen Bemerkungen über die Labyrinthchiffre neben dem architektonischen bereits ein weiteres Wesensmerkmal des Labyrinthischen angesprochen: die Notwendigkeit einer räumlichen Hierarchie, die durch privilegierte Räume, Orte und Schwellen abgesteckt wird und ohne die ein Raumsystem nicht als labyrinthisch erfahren werden kann.

Der Mythos konzentriert seine diesbezüglichen Beobachtungen ganz auf die Idealform des privilegierten Ortes: auf die bedeutende Mitte im Innersten eines ausgedehnten räumlichen Gefüges, die es auf labyrinthischem Wege zu erreichen gilt.

 

Hugo von Hoffmannsthal: Der Kaiser von China spricht

In der Mitte aller Dinge

Wohne Ich, der Sohn des Himmels.

Meine Frauen, meine Bäume,

Meine Tiere, meine Teiche

Schließt die erste Mauer ein.

Stumm von meinen Rasenbänken,

Grünen Schemeln meiner Füße,

Gehen gleichgeteilte Ströme

Osten-, west- und süd- und nordwärts,

Meinen Garten zu bewässern,

Der die weite Erde ist.

Meine Edlen, wie die Sterne,

Wohnen rings um mich, sie haben

Namen, die ich ihnen gab,

Namen nach der einen Stunde,

Da mir einer näher kam,

Frauen, die ich ihnen schenkte,

Und den Scharen ihrer Kinder,

Allen Edlen dieser Erde

Schuf ich Augen, Wuchs und Lippen,

Wie der Gärtner an den Blumen.

Aber zwischen äußern Mauern

Wohnen Völker meine Krieger,

Völker meine Ackerbauer.

Neue Mauern und dann wieder

Jene unterworfnen Völker,

Völker immer dumpfern Blutes,

Bis ans Meer, die letzte Mauer,

Die mein Reich und mich umgibt.

 

Der Block von außen auf ein Inneres, in das man nicht einzudringen wagt, ist die ureigene Perspektive anthropomorpher Architekturauffassung.

 

Noch in einem anderen Zusammenhang ist die bedeutende Mitte nicht schlechthin ein Zentrum einer räumlichen Hierarchie, sondern zugleich eine Ausdrucksform des Labyrinthischen. Wenn man der Begegnung Theseus – Minotaurus, einer der vielen möglichen Deutungen des Mythos zufolge, nach langem Weg zur Mitte die Begegnung mit den unbewussten Seiten der eigenen Existenz sieht, dann wären in einer architektonischen Ikonographie des Labyrinthischen auch alle jene Orte im Zentrum der Selbstsuche und Selbstfindung zu nennen, die am Ende des Weges den Betrachter verbaliter vor den Spiegel oder – im übertragenen Sinne – zu sich selbst führen. Kern hat dies in seinen Labirinti ausgeführt: Der “Simbolismo del Centro” erscheint dort als durchgehendes Thema von Botticellis “Città con sette cinte di mura” bis hin zu jener merkwürdigen Konstruktion Leonardos aus acht übermannshohen Spiegeln, die wie ein Oktogon zusammengefügt sind, so dass sich ein Mensch in der Mitte niedersetzen und sich selbst in jeder Richtung und ins Unendlichen hinausgespiegelt betrachten kann. Man wird in diese Spiegelkammer mehr sehen müssen als nur ein technisches Gerät zur Befriedigung der physikalischen Neugier, nämlich ein “optisches Labyrinth”, das in der unendlichen Projektion der eigenen Physiognomie, auf dem schier endlosen Weg seine Spiegelungen den Betrachter auf einer langen visuellen und buchstäblich reflexiven Reise zu sich selbst zu führen vermag – eine Reise die auch mit ganz anderen Vehikeln angetreten werden kann und durch entlegene Provinzen der physischen und psychischen Welt zu führen vermag, bis zu jener unerwarteten Ankunft, die Novalis in den Paralipomena zu den Lehrlingen von Sais angedeutet hat: “Einem gelang es – er hob den Schleier der Göttin zu Sais – Aber was sah er? Er sah – Wunder der Wunders, sich selbst.”

Nehmen wir dies als Stichwort einer weiteren Dimension des labyrinthischen Mittelpunktsgedankens: Die Mitte des Labyrinthischen ist die Mitte der überraschenden Ankunft, und das architektonische Mittel ihrer Hervorhebung ist der lange und verschlungene Weg. Das Labyrinthische erscheint somit als eine Methode zur architektonischen Ordnung ausgedehnter Bausysteme mittels der beiden Elemente Weg und Ziel. Das Labyrinthische ist also eine Ordnungskategorie der Architektur. “Labyrinthisch” und “chaotisch”, zwei Begriffe, die umgangssprachlich so häufig verwechselt werden, sind deshalb nicht nur begrifflich weit voneinander entfernt, sie schließen geradezu einander aus. Wenn wir in einem in anderer Hinsicht hochinteressanten Aufsatz über die Mutation des Labyrinthns in sein Gegenbild lesen: “Das Unübersehbare, Nicht-lesbare, Nicht-nach-einem-Prinzip-geordnete, also chaotisch Erscheinende provoziert zu allen Zeiten ein Bedürfnis, es “in Ordnung” zu bringen, ihm ein Prinzip einzuverleiben”, so ist dies ein solches Missverständnis. Denn das Labyrinth definiert sich über ein Prinzip, über den verschlungenen Weg, der schließlich zur Mitte führt, es ist von Anfang an “in Ordnung gebracht”, eben in die “labyrinthische Ordnung”. Dies ist aber kein Paradoxon, denn labyrinthische Ordnung meint die Zentrierung eines ausgedehnten Raumsystems über einen verschlungenen, künstlich und kunstvoll verlängerten Weg.

 

Das Labyrinthische als Ordnungskategorie des architektonischen Raumes ist also gewissermaßen die Umkehrung der Axialität und ihrer Derivate. Es steht damit nicht in absolutem Gegensatz zu den klassischen architektonischen Kunstgriffen; in Labyrinth und axialer Raumordnung erkennen wir vielmehr zwei komplementäre Ausdrucksformen des elementaren Bemühens um die Errichtung räumlicher Ordnung und Lesbarkeit. Diesem Aspekt des Labyrinthischen sind alle jene Erscheinungsformen der Architektur zuzurechnen, die räumliche Ordnungen und Beziehungen über ein verschlungenes Wegesystem herstellen. Das Verschlungene ist geradezu ein Grundthema des Labyrinthischen.

 

Die Obskurität der labyrinthischen Mittelpunktsideen hat schon früh die Urform des Verborgenen und Abgründigen wichtig werden lassen: das Unterirdische. Der antike Mythos weiß noch nichts von einem unterirdischen Labyrinth, aber seit Diodorus ist das Unterirdische ein feststehender Topos des Labyrinthischen.

Es sind zunächst die Ideen um das Labyrinth als um einen Ort, der dem Schattenreich verwandt ist, der eine Gegenwelt zur hellen oberirdischen Welt der Lebenden darstellt, die in den Abgründen des Unterirdischen ihr natürlich Vorbild finden; die Dunkelheit des Erdinnern, die es zum dauernden menschlichen Aufenthalt ungeeignet macht, die vorherrschende Richtung des Hinabsteigens, die gegen die Vertikalität als dominierende Identifikationslinie des Menschen gerichtet ist, die Kühle des Gesteins, die der Körperwärme feind ist und die kristallinen und mineralischen Gebilde der Erdformationen, die dem uns fremdesten der drei Naturreiche angehören – dies alles setzt die unterirdische Welt in ausgesprochenen Gegensatz zum Lebensraum des Menschen. Eine mythische Begriffswelt, die sich in Bildern und bildhaften Vorstellungen zu artikulieren sucht, musste in deisem natürlichen Gegenbehiten eine geeignete Metapher zur Formulierung des ganz anderen, des Unmenschlichen sehen. Zugleich gilt das Unterirdische aber auch als Ursprungsort lebensbestimmender Kräfte und als bewahrender Schoß der Urformen materieller und geistiger Güter und Künste des Menschen.

 

Die unterirdische Welt gehört noch mit einem weiteren Aspekt in den Kontext des Labyrinthischen: als übermenschliche, nicht von Menschenhand geschaffene Architektur gigantischen Ausmaßes.

 

Für das legendäre Labyrinth als den Urtyp des Architekturrätsels gibt es mehrere Auflösungen, wie dies die verschiedenen Labyrinthdeutungen belegen.

So ergibt sich die Lösung “Kultbau”, wenn man das Labyrinth als eine real existente Architektur versteht, die im Mythos gewissermaßen maßstäblich beschrieben wird, währen man die Passagen über die Taten und Schicksale der mythischen Gestalten als metaphorische Umschreibung kultischer Handlungen sieht, und wenn man beides gegen die Gesamtstruktur des Mythos liest, die auf die Irrealität der Architektur abzielt, dargestellt etwa in der Unmöglichkeit des Entfliehens, die einer Maßstäblichkeit des Bauwerks geradezu entgegenarbeitet.

Die Lösung “Stadt” gewinnt man, wenn die Figuren und Handlungen als historische Gestalten und Geschehnisse gedeutet werden, wenn auch das Labyrinth als reale Architektur, wenngleich als unmaßstäbliches Modell verstanden wird, in dem Riesenhaftes und Winziges gleichsam inventarisch erfasst ist, wenn man die Hinweise auf übernatürlich Eigenschaften als poetische Überhöhung städtischer Phänomene begreift..

Zur Lösung “Unterwelt” gelangt man, wenn das Labyrinthbauwerk metaphorisch gedeutet wird, nicht als Architektur, sondern als bildhafte Fassung eines Daseinszustandes, wenn man in allen Handlungen und Gestalten die Figuren und Ereignisse eines Lebensweges erkennt und wenn man diese Betrachtungsweise gegen alle Tendenzen des durchhält, die von realer Architektur sprechen.

Auch die übrigen Theorien zum Labyrinth, die Thesen vom kosmologischen Modell oder vom Weg der Initiation etwa, lassen sich als solche Lösungen des Labyrinthrätsels deuten, die dadurch gewonnen wurden, dass die Hinweise einzelner Erzählungs- und Bildelemente gegen die anderslaufende Fassung des Gesamten zu einer sinnvollen Aussage verknüpft wurden.

Aus dem Gesagten ergibt sich nun, dass das Rätsel labyrinthischer Architektur eine verklausulierte Form der architektonischen Aussage ist, gewissermaßen ihre Umkehrung, ihr Gegenstück. Wiederum zeigt sich also das Labyrinthische als Umkehrung geläufiger architektonischer Formen. Wie es schon im Zusammenhang des allgemeinen architektonische Phänomens der Etablierung räumlicher Hierarchien das Prinzip der Hervorhebung des Wichtigen durch Axialität und direkten Zugang umgekehrte und die gleiche Intention in der künstlichen Verlängerung des Weges verwirklichte, so kleidet es hier ein anderes Grundanliegen des künstlerischen Bauens, die Artikulation einer gewissen Mitteilung in eindeutiger Architektonischer Geste, in deren Umkehrung, in die Verrätselung.

Die Baugeschichte kennt vielfältige Formen der architektonischen Verrätselung, die indessen nie ohne besonderen Grund vorgenommen wurde. Ein wichtiger Grund muss in der didaktischen Absicht gesehen werden, über die Entschlüsselung eines Rätsels seinen Bedeutungsgehalt sich fester einzuprägen.

 

Als Walter Andrae 1941 seinen klassischen Aufsatz Alte Feststraßen im Nahen Osten verfasste, eröffnete er damit ein ganz neues Verständnis der Architektur der frühen Hochkulturen. Die monumentalen Architekturen und die häufig nach abstrakten geometrischen Schemata konstruierten Stadtanlagen, auf die die Archäologie bis dahin ihr Hauptaugenmerk gerichtet hatte, erschienen plötzlich als nur eine Seite der städtischen Architektur, deren andere ein außerordentlich entwickeltes Prozessions- und Umschreitungswesen war. Ja, es schien, als sein die Architektur dieser Städte mit ihren komplizierten Systemen aus Achsen, Stufentempeln und Stationsbauten eigentlich nur ein Vorwand für die Maschinerie der kultischen Bewegungsabläufe, für das eigentliche Anliegen der frühen Städtebauer. Das Prozessionswesen des Alten Orients hat seine Wurzeln in der sumerischen Auffassung von der Heiligkeit bestimmter Flecken, an denen sich die Gottheit des Himmels mit der Erde vermählt, in einer “territorialen” Auffassung von Heiligkeit also. Aus dieser grundlegenden Anschauung konnte sich eine territoriale Religiositöt entwickeln, die nach territorialen Gesten ihrer Ausübung im Kult verlangt, eben nach raumgreifenden Ritualen, die sich um die numinose Stelle drehen.

 

 

 

 

 

 

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