Amitai Etzioni: Die aktive Gesellschaft

An Aufständen “des Volkes” oder “der Massen” haben in der Regel weniger als fünf Prozent der Bevölkerung teilgenommen – gewöhnlich die Bewohner der Hauptstadt und einiger anderer Städte (z.B. Kairo 1952, La Paz 1952). Soweit andere Indikatoren für das Ausmaß solcher Mobiliserungsprozesse zur Verfügung stehen – etwa die Budgets der revolutionären und Unabhängigkeitsbewegungen -, scheinen ihre Mittel im Vergleich zu denen der jeweiligen Bevölkerung sehr niedrig zu sein. … Die Französische Revolution wurde von 80.000 Menschen begonnen (die zweite Invasion der Tuilerien; der Marsch auf Versailles); nur 800 oder 900 stürmten die Bastille.

 

Der Anfangszustand interner Mobilisierung ist oft durch eine zunehmende Zahl kollektiver Projekte gekennzeichnet. Ein Projekt ist eine gemeinsame Anstrengung, die eine Konzentration von Energie und eine vergleichsweise intensive und gesteuerte, auf spezifische Ziele gerichtete Aktivität beinhaltet.

Prozesse, von denen eine umfassende, makroskopische und permanente Mobilisierung ausgeht, folgen dem Muster einer langsamen Kettenreaktion. Wenn eine passive Großgruppe oder Gesellschaft durch einen Mobilisierungsprozess aktiviert wird, erinnert der Prozess an die Umwandlung eines schlecht brennbaren Materials. Das heißt, der Prozess läuft relativ langsam ab, und fast nie sind alle oder auch nur die Mehrheit der Subeinheiten gleichzeitig aktiviert. … Projekte entzünden den Umwandlungsprozess nur in wenigen begrenzten Subeinheiten, wo brennbares Material zur Verfügung steht. Eliten oder relativ gebildetere, selbstbewusstere oder unbalancierte Subeinheiten sind die ersten, die aktiviert werden.

Die Handlungsfähigkeit einer gesellschaftlichen Einheit und ihr historischer Einfluss hängen beträchtlich vom Ergebnis des internen Kampfes zwischen Mobilisierten und Unmobilisierten zusammen, einem Kampf, der in praktisch allen größeren Mobilisierungsprozessen erkennbar ist. … Interner Kampf ist nötig, weil immer einige und manchmal sogar alle Einheiten dagegen sind, Ressourcen unter ihrer Verfügung für andere Ziele und die die mobilisierende Einheit freizugeben. Selbst wenn gemeinsame Ziele bestehen, gibt es Differenzen darüber, welche Mittel angewendet und welche Wege der Mobilisierung eingeschlagen werden sollen usw. Obwohl diese Differenzen zum Teil durch verschiedene Konsensformungsmechanismen bereinigt werden, muss bei einem anderen Teil beinahe unvermeidlich die eine oder andre Art von Macht angewendet werden, damit sich die Mobilisierer gegen jene Mitglieder durchsetzen können, die die Ausdehnung des Prozesses behindern.

 

Die Entwicklung einer totalitären in Richtung auf eine aktive Gesellschaft ist nicht dasselbe wie Demokratisierung oder “Liberalisierung”. Diese Konzepte werden oft mit einer wachsenden Bedeutung der gesellschaftlichen Konsensformung und einer Reduzierung der staatlichen Kontrolle verbunden. Tatsächlich verlangt die Entwicklung zu einer aktiven Gesellschaft mehr Konsensformung und eine Transformation der Kontrolle vom präskriptiven zum kontextsetzenden Typus, aber nur eine begrenzte Verringerung der Reichweite der Kontrolle und eine starke Zunahme der gesellschaftlichen Bedürnissensibilität.

Allein aufgrund einer Analyse der Schichtungsstruktur kann man erwarten, dass es kaum die mächtigen Großgruppen sein werden, die die Mobilisierer für die schwächeren stellen. Die Schwachen sind schwer zu mobilisieren, und eine plötzliche Vermehrung der Zahl und Fähigkeiten ihrer Mobilität ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil die mächtigeren Gruppen – als Bestandteil ihrer Herrschaftsstrategie – die Möglichkeiten der schwächeren zur Hervorbringung mobilisierender Eliten ständig einzuschränken bestrebt sind. Das gesellschaftliche Bewusstsein derjenigen Gruppen, die nur wenige Ressourcen besitzen, untermobilisiert und unterrepräsentiert sind und über nur geringe gesellschaftliche und politische Macht verfügen, befindet sich auf einer niedrigen Stufe. Diese Gruppen tendieren dazu, die vorherrschende Sicht der Gesellschaft zu akzeptieren und sich an ihrem Konsumfetischismus, ihrer Massenkultur und ihren apolitischen Ablenkungsmanövern zu beteiligen. Wenn es keine Beweise gäbe, dass unter ihrer oberflächlichen Partizipation eine starke Entfremdung weiterbesteht, würden wir zu dem Schluss kommen müssen, dass ihre gesellschaftlichen Probleme gelöst sind. In Wirklichkeit jedoch erschwert ihre unauthentische Partizipation jedoch nur ihre Mobilisierung, weil für sie ihre objektive Lage noch weniger erkennbar ist als in der ersten Periode der Industrialisierung. Kurz, auf dem Hintergrund der Bedingungen der postmodernen Gesellschaft erscheint die Aufgabe der Mobilisierung noch größer als in der modernen Gesellschaft, weil die Entfremdung versteckter ist.

Gleichzeitig sind die schwächeren Gruppen in dem Maße mobiliserbarer, und ihr gesellschaftliches Handlungspotential steigt in dem Maße an, wie die Mittelschichtnormen, die einerseits ihr politisches Selbstbewusstsein niedrig halten, sie andererseits auf Mobilisierung vorbereiten. Dies zeigt sich insbesondere an einem zunehmenden Interesse an Ausbildung, Leistung und organisatorischer Erfahrung. Obwohl diese Interessen durchaus ablenkende anstatt mobilisierende Wirkung haben können (Bildung kann z.B. technologisch und bürokratisch sein), helfen sie, die betroffenen Großgruppen “erreichbarer” zu machen. Trotz der Langsamkeit der beteiligten Prozesse scheinen die langfristigen Trends unmissverständlich: Postmoderne gesellschaftliche Prozesse produzieren jene Bedingungen, die die Transformation monopolisierter Gesellschaften wahrscheinlicher machen.

Neben diesen historischen Trends im Mobilisierungspotential unterprivilegierter Gruppen scheint sich die potentielle Basis der Mobilisierer ebenfalls zu verbreitern. Mobilisierer werden hauptsächlich aus zwei Schichtungsbasen rekrutiert; jede davon entsendet nur einen kleinen Teil ihrer Mitglieder in die Gruppe der Mobilisierer, aber wenn die Basen expandieren, wächst auch die absolute Größe dieses Teils. Zunächst gibt es jene, die mit Symbolen umgehen, insbesondere Angehörige akademischer Berufe und andere “Geistesarbeiter”. Die Mobilisierer kommen eher aus einer Untergruppe – aus der Gruppe derjenigen, die mehr mit synthetisierender als mit analytischer Arbeit beschäftigt sind (z.B. eher aus den geisteswissenschaftlichen als aus den juristischen oder medizinischen Fakultäten), gegen ökonomischen und politischen Druck relativ immun (Fakultätsmitglieder) oder ihm noch nicht völlig ausgesetzt sind (Studenten). Die zweitwichtigste Rekrutierungsquelle sind die unbalancierten Großgruppen, insbesondere diejendigen, deren utilitarischer Status höher ist als ihr Prestige (normativer Rang). Sie haben sowohl die Fähigkeit zu handeln (weil sie bereits auf einer oder mehreren Dimensionen “oben” sind) als auch die entsprechende Motivation.

Die Zunahme der ersten Gruppe resultiert aus der Wissensrevolution, die zweite ist das Produkt ökonomischer Mobilität. Aber es kann nicht genug betont werden, dass diese “Hintergrundfaktoren” nur einen Teil der Mobilisierung für eine Transformation der Gesellschaft erklären, weil nur ein ganz kleiner Teil der dieser Gruppen politisch aktiv wird und als Mobilisierer für andere, unterprivilegierte Großgruppen fungiert.

Der nächste Schritt im Prozess der politisches “Verarbeitung”, der weiter zum “Output”-Ende hinführt, sind Organisationen von Mobilisierern, die darin den religiösen Orden früherer Zeiten vergleichbar sind, dass sie häufig die Kernorganisation von Großgruppen bilden, für die der Dienst an anderen und an der Gesellschaft ein zentraler Wert ist. In modernen Großgruppen […] ähneln sogar die Einzelheiten des alltäglichen Lebens denen in früheren religiösen Orden: persönliche und organisatorische Anspruchslosigkeit; finanzielle Mittel werden nur für den kollektiven Zweck verwendet; ein hoher Prozentsatz der Zeit des einzelnen Mitglieds wird kollektiviert und mobilisiert; der Stil der Bekleidung und der Haartracht der Mitglieder dokumentieren das Armutsgelöbnis und unterscheiden Mitglieder von Nicht-Mitgliedern; eine Kombination von straffer Organisation mit einem großen Maß an Informalität und sogar Anarchie; große räumliche Mobilität, keine formelle und wenige informelle soziale Distanz zwischen Führern und Anhängern; Misstrauen gegen die Außenwelt, das von dieser erwidert wird; ein Schuldgefühl auf Seiten derer, die an die Norm des “Dienstes” glauben, aber selbst kein entsprechendes Leben führen. Diese Normen und Muster bewirken eine sehr hohe Umwandlungsrate; der Wille, fast alle Zeit und Energie dem Dienst an der Gesellschaft zu opfern, erlaubt einer kleinen Gruppierung, effektiver zu handeln als viel größere Organisationen, deren Mitglieder nicht bereit sind, mehr als einen kleinen Bruchteil ihrer Zeit und Energie der politischen Aktion zu widmen.

Transformationsbewegungen entstehen aus einer Verbindung zwischen derartigen, auf einer kohäsiven Basis beruhenden Organisationen von Mobilisierern und einer (oder mehrerer) unterprivilegierter Großgruppe, die ein vergleichsweise hohes Mobilisierungspotential hat. Nicht alle derartigen, am “Dienst” an der Gesellschaft orientierten Gruppen sind jedoch imstande, eine Transformationsbewegung in Gang zu setzen. Damit eine solche Gruppe als Mobilisierer handeln kann, muss sie (a) so stark entfremdet sein, dass sie eine fundamental kritische Haltung einnimmt; (b) gebildet genug sein, um Gegensymbole und Ideologien zu entwickeln; (c) über ausreichende organisatorische Fähigkeit verfügen, um die Funktion der Kontrollinstanz einer Transformationsbewegung ausfüllen zu können; (d) hinreichendes gesellschaftliche Wissen akkumulieren, um eine angemessene Theorie der Gesellschaft und eine politische Strategie zu entwerfen; und (e) imstande sein zu verhindern, dass persönliche, apolitische Motive die Oberhand gewinnen. Im Allgemeinen können Studentengruppen diese Bedingungen erfüllen; Gruppen wie Bohemiens, Akademikern, Geistlichen oder “unbalancierten” ethnischen Minoritäten der Mittelschicht erfüllen sie meist weniger vollständig. Doch haben Koalitionen solcher Gruppierungen bei der Mobilisierung von Transformationsbewegungen eine kritische Rolle gespielt, von den Suffragetten bis zur kubanischen Revolution.

 

 

 

 

 

 

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