Machiavelli: Über Grausamkeit und Milde

Ist es besser, gliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt? Die Antwort lautet, dass man sowohl das eine als auch das andere sein sollte.

Da es aber schwer ist, beides zu vereinigen, ist es viel sicherer, gefürchtet als geliebt zu sein, wenn man schon auf eines von beiden verzichten muss. Denn von den Menschen kann man im allgemeinen sagen, dass sie undankbar, wankelmütig, verlogen, heuchlerisch, ängstlich und raffgierig sind. Solange du ihnen Vorteile verschaffst, sind sie dir ergeben und bieten dir Blut, Habe, Leben und Söhne an, aber nur, wie ich oben schon sagte, wenn die Not ferne ist. Rückt sie aber näher, empören sie sich.

Ein Herrscher, der ganz auf ihre Versprechungen baut und sonst keine Vorkehrungen trifft, ist verloren; denn Freundschaften, die man nur mit Geld und nicht durch Großherzigkeit und edle Gesinnung gewinnt, erwirbt man zwar, doch man besitzt sie nicht und kann in Notzeiten nicht auf sie rechnen. Auch haben die Menschen weniger Scheu, gegen einen beliebten Herrscher vorzugehen als gegen einen gefürchteten; denn Liebe wird nur durch das Band der Dankbarkeit erhalten, das die Menschen infolge ihrer Schlechtigkeit bei jeder Gelegenheit aus Eigennutz zerreißen. Furcht dagegen beruht auf der Angst vor Strafe, die den Menschen nie verlässt.

Trotzdem soll ein Herrscher nur insoweit gefürchtet sein, dass er, falls er schon keine Liebe erwirbt, doch nicht verhasst ist; denn es kann sehr wohl vorkommen, dass man gefürchtet und doch nicht verhasst ist

Einem Herrscher wird dies stets gelingen, wenn er sich nicht an der Habe und den Frauen seiner Mitbürger und Untertanen vergreift. Und wird er auc hin die Notwendigkeit versetzt, jemandenm das Leben zu nehmen, so mag er es tun, wenn er eine hinreichende Rechtfertigung und einen ersichtlichen Grund dafür hat. Doch keinesfalls darf er das Eigentum anderer antasten; denn die Menschen vergessen rascher den Tod ihres Vaters als den Verlust ihres väterlichen Erbes. Abgesehen davon fehlt es nie an Gründen, sich fremdes Gut anzueignen. Und wer erst anfängt, von Raub zu leben, findet immer Anlass, sich fremdes Gut anzueignen. Im Gegensatz hierzu sind die Gelegenheiten zum Blutvergießen seltener und häufig fehlen sie ganz.

Befindet sich jedoch der Herrscher im Feld und hat eine Menge Soldaten unter seinem Kommando, dann darf er keinesfalls den Ruf der Grausamkeit scheuen; denn ohne einen solchen Ruf ist noch nie die Geschlossenheit und Schlagkraft eines Heeres aufrechterhalten worden.

 

 

 

 

 

 

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